Galerie Katharina Krohn Basel
Toenges
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Michael Toenges

Galerieausstellungen:
«4» · 19.05. - 29.07.2006

Malen bis zum Bild (Coda)

... bis es sichtbar geworden ist, bis es ist, was es hatte werden sollen, bis es ist, was es nie hatte werden sollen, bis es ist, was es hat werden wollen, bis es ist, was man sich nicht hat vorstellen können, bis es ist, was zuvor nicht war, bis alles anders ist, bis es alles andere ist, bis es anders nicht sein kann, bis es gut war, bis es einem die Augen öffnet, bis alles stimmt, bis man es in Ruhe lassen kann, bis es einen in Ruhe läßt, bis es still hält, bis es einen bewegt, bis es leicht ist, bis es leuchtet, bis alles verwoben ist, bis ihm alle Schönheit ausgetrieben ist, bis es glückt, bis es keine Wahl mehr hat, bis es fremd genug ist, bis man nichts mehr für das Bild tun kann, bis es nicht mehr zu übersehen ist, bis es nicht mehr zu überschauen ist, bis es sich zeitigt, bis man nichts mehr dagegen tun kann, bis es ist, was es hat werden können, bis man es immer noch nicht kennt, bis alles zusammenhält, bis alles zusammenhängt, bis es vollständig ist, bis es reicht, bis es reich ist, bis es einen erreicht, bis es einem reicht, bis es wirkt, bis es wirklich ist, bis man nicht mehr weiß, was es ist, bis man es nicht mehr kennt, bis es schon ist, bis alles klar und deutlich ist, bis alles sein Maß hat, bis es merkwürdig ist, bis es ein Nachbild hinterläßt, bis es in Erinnerung bleibt, bis es ein Anfang ist, bis es staunen macht, bis es dicht ist, bis es von selbst weiter macht, bis es ein Bild ist, bis es nicht weniger sein darf, bis alles an Ort und Stelle ist, bis es sich nicht mehr wehren kann, bis es verschieden ist, bis es einen ansieht, bis es eine Freude ist, bis es zu erkennen ist, bis die Zweifel vollständig sind, bis wieder alles offen ist, bis es herangewachsen ist, bis es ist, was es ist, bis es tut, was es kann, bis es ausreichend unvollendet ist, bis man es allein lassen kann, bis alles so einfach wie möglich ist, bis es nicht mehr fertig ist, bis es vollbracht ist, bis es gar nicht anders sein kann, bis es da ist, bis es sich zeigt, bis es schöner nicht werden kann, bis es zu sehen gibt, bis man nicht mehr tun kann, als schauen.

Jens Peter Koerver


Was ist Malerei!

«Warum malen, und wenn ja, was entsteht daraus?» Von diesen beiden Fragen wird Michael Toenges' künstlerische Tätigkeit bewegt. Sie sind ihm wechselweise Hindernis und Triebkraft - oder anders gesagt: kritische Besinnung reibt sich an schaffendem Maldrang und umgekehrt. Dies drückt sich bereits in seiner Arbeitsweise darin aus, daß er eine Farbenschicht auf den frischen Malgrund bringt, und daß er jene erste mit einer zweiten, dritten und so fort vollständig oder teilweise überdeckt, bis ihm sein korrigierender Sinn erlaubt aufzuhören und jenen Farbauftrag als den letzten zu bestimmen. Was wie der Schlußstrich einer Arbeit erscheint, kann durchaus auch der Anfang davon sein, daß das, was zu einer früheren Zeit als «fertig» angesehen wurde, wieder abgetragen, aufgeschnitten oder weggekratzt wird. Es mutet an wie Heimweh nach dem, was da unter Farben begraben schlummert. Nachsehen, aufdecken auf diese Art heißt zerstörend das Alte neu hervorzubringen. Er will in, zwischen und unter die Schichtungen blicken und überprüfen, wozu er fähig war: als Maler, sowie als Übermaler und letztlich als Bild-Sezierer. Nun kann - was gar nicht ausgeschlossen ist - die Prozedur von neuem beginnen.
Dieser Arbeitsmodus - wie in langsamen Pendelbewegungen - zeugt von der steten Unruhe darüber, einerseits die projizierte Vorstellung finden zu müssen, andererseits daß das, was zu einem bestimmten Zeitpunkt bereits erreicht worden war, mittlerweile dem Vergessensein angehört. Überdecken und Sichtbarmachen bzw. Sichtbarmachen durch Überdecken sind die Grundprinzipien, nach denen Michael Toenges arbeitet. Dieses erhellend zum «Wie».
Das Urteil des Künstlers über seine Werke ist weder hart noch gnadenlos oder gar gerecht sondern schlicht und einfach subjektiv - und je nach dem stärker oder schwächer subjektiv, inwieweit und wie lang er sich von aller Orientierung nach außen zu entfernen vermag.
Dieser Abnabelungsprozeß vom fremden Anderen kann so nah an sich selbst heranführen, daß Kommunikationsprobleme unterschiedlicher Art nicht ausbleiben, weil es allseits an Vergleichen mangelt. Das soll nicht heißen, das es keine gäbe, nur sie müssen erst gefunden werden. Selbst wenn Michael Toenges nichts anderes macht als das, was man landläufig als Bildermalen bezeichnet, so gibt es doch einen wesentlichen Unterschied zu den anderen: ihm geht es nicht in erster Linie darum, ein «schönes Bild» hervorzubringen, sondern die Malerei selbst ist sein ureigenster Bild-Gegenstand geworden. Das Malen sowie das Übermalen des Gemalten läßt ihn ein- und aufsteigen zum schönsten Begebnis, es sind die Momente, wo es ihm ist, als ob es in ihm rausche. Für ein «Bild» selbst gibt es eigentlich gar keinen zwingenden Grund. Es ist der Rest, welcher bleibt von der Malerei, also vom erfüllten Tätigsein, es ist die sichtbare Gewißheit schöpferischer, unwiederholbarer Zeit und - wenn es ganz hoch kommt - die greifbare, sich verfestigende Erinnerung, die er - wie auch wir - nicht missen möchte: als Stoff, als Körper, als Material, was auch immer - sinnlich, aber damit auf den langen Weg, der in die Zeitlichkeit führt, gebracht. Malerei bleibt sein Ereignis.

Hans Lehmann